Geschäft mit vielen Facetten

Autoren: Malte Müller und Anna Schmidt-Lademann

BayWa r.e. kauft und verkauft unter anderem Solarpaneele in Euro, Franken und USDollar. Eine klare Sache für die FX-Sicherungsstrategie, möchte man meinen. Doch eine Untersuchung der einzelnen Geschäfte ergab ein differenzierteres Bild.

Schon seit einiger Zeit sind wir dabei, über unsere gesamte Gruppe hinweg ein ganzheitliches FX-Risiko-Management für die einzelnen Sparten – Projekte, Solarhandel, Energiehandel, Services und Solutions – auszurollen. Im vorigen Jahr nahmen wir uns den Bereich Solarhandel vor: Auch hier sollten die geplanten FX-Zahlungsströme für mehrere Monate im Vorhinein abgesichert werden. Der Einkauf von PV-Modulen im Solarhandel basiert allerdings auf einem grundlegend anderen Geschäftsmodell als der PV-Einkauf im Bereich Projektierung von Solarparks, dem wir uns zuvor gewidmet hatten. Deshalb mussten wir uns detailliert mit dem Einkaufs- und Verkaufsverhalten sowie den Liefer- und Zahlungsusancen des Solarhandels auseinandersetzen. Dazu holten wir SLG als Sparringspartner an Bord, um das tatsächliche FX-Risiko in diesen Geschäftsabläufen transparent darzustellen und darauf aufbauend eine geeignete Sicherungsstrategie abzuleiten. Dieses Ziel steuerten wir in vier Schritten an:

  1. die typischen Geschäftsabläufe definieren,
  2. die Risikohorizonte und Auswirkungen von Wechselkursschwankungen analysieren,
  3. das Risikoausmaß errechnen und
  4. Sicherungsinstrumente ableiten.

Geschäftsabläufe darstellen

Im Solarhandel spielen sich die Geschäfte mit unterschiedlichen Kunden, in unterschiedlichen Zeiträumen und Währungen ab. Einerseits bestellt unsere Handelssparte bei den Lieferanten, wenn ein Kunde einen Auftrag vergeben hat; andererseits wird auf Lager eingekauft. Dabei können Lieferzeiten oft mehrere Monate betragen, sodass Verkaufsverträge abgeschlossen werden, während sich die Ware noch auf dem Schiff auf dem Weg ins Lager befindet. Wir haben Großkunden wie innovative Supermarktketten oder Betreiber riesiger Solarparks, aber auch Kleinkunden wie Gewerbebetriebe, die auf dem Dach ihrer Produktionshallen Strom erzeugen. Die Solarpaneele kaufen und verkaufen wir in den Währungen Euro, Schweizer Franken und US-Dollar. Diese Unterschiede in Kundenstruktur, Absatzwegen und Währungen ergeben im Solargeschäft unterschiedliche Geschäftsabläufe mit unterschiedlichen Risikoprofilen, die sich in der Absicherung nicht über einen Kamm scheren lassen. Daher bestimmten wir im ersten Schritt die einzelnen Geschäftsabläufe und deren Umsatzanteile. Vier unterschiedliche Geschäftsabläufe konnten identifiziert werden, deren Umsatzanteile für die spätere Risikoquantifizierung relevant waren.

Risikohorizonte und Auswirkungen von Wechselkursschwankungen kennen

Für diese Geschäftsabläufe mussten erst einmal die Risikohorizonte eruiert werden. Dazu gliederten wir jeden Ablauf auf einer Zeitachse, auf der die potenziell risikobeeinflussenden Zeitpunkte festgehalten sind: von der Bestellung beim Lieferanten bis zur Zahlung des Kunden (s. Abb. 1). Deren Abfolge variiert von Geschäftsablauf zu Geschäftsablauf. Danach diskutierten wir mit Einkauf und Verkauf, welche Preisanpassungsmöglichkeiten und -pflichten bestehen; so konnten wir für jeden Geschäftsablauf den Zeitraum feststellen, in denen die Cashflows tatsächlich dem Wechselkursrisiko ausgesetzt sind. Diese Analyse brachte für uns insbesondere die Erkenntnis, dass es im Falle des Solarhandels nicht sinnvoll ist, Planeinkäufe frühzeitig zu sichern, sondern lediglich tatsächlich getätigte Bestellungen. Die Variabilität der Preise auf der Verkaufsseite sorgt dafür, dass eine zu frühe Sicherung der Einkäufe risikoerhöhend statt risikomindernd wirkt.

Die ermittelten Horizonte „übersetzten“ wir für eine spätere Risikorechnung in Tage, indem wir in Rücksprache mit unserer Handelssparte übliche Zahlungsziele und Lieferzeiten heranzogen. Nachdem die Risikopositionen und die „Zeit im Risiko“ bekannt waren, überprüften wir die Auswirkungen von Wechselkursänderungen auf die einzelnen Geschäftsvorfälle und deren Gewinn- und Verlustprofil. Was zunächst einfach erschien, stellte sich als gar nicht triviale Übung heraus. Es ist zwar nicht schwierig festzustellen, ob sich die Auf- bzw. Abwertung einer Währung vorteilhaft oder nachteilig auf die betroffenen Cashflows auswirkt, allerdings nahmen diese Auswirkungen teilweise sprunghafte Formen an (Wechselkursänderungen können erst ab einer gewissen prozentuellen Änderung weitergegeben werden) oder entfalteten sich einseitig (asymmetrischen Risikokategorien, bei denen BayWa r.e. zum Teil vorteilhafte Wechselkurse an den Kunden weiterreichen muss, nachteilige Entwicklungen hingegen nicht weitergeben kann). All dies führten wir zusammen und erhielten eine Übersicht, wie sich Wechselkursschwankungen je Geschäftsablauf auf das Grundgeschäft auswirken.

Abb. 1: Analyse der Risikohorizonte
Die Analyse der Zeitabläufe zeigte, dass die vier definierten Geschäftsvorfälle unterschiedliche Risikohorizonte aufweisen. Eine zu frühe Sicherung wirkt sich genauso risikoerhöhend aus wie eine zu späte Sicherung.

Risikoquantifizierung als Entscheidungsgrundlage

Auf dieser Basis führte SLG für uns eine Szenarioanalyse durch, um ausgehend von den Risikoprofilen und Risikohorizonten je Geschäftsablauf das Risiko auf Portfolioebene zu quantifizieren. Während es bei der vorangegangenen Analyse sehr hilfreich gewesen war, die Geschäftsabläufe einzeln zu betrachten, nahm das Projektteam nunmehr eine gesamthafte Sichtweise ein. Erst in diesem Schritt kristallisierten sich aufhebende Effekte, insbesondere in den asymmetrischen Risikokategorien, klar heraus. In den vorangegangenen Analysen hatte sich gezeigt, dass asymmetrische Profile vor allem im Lagerverkauf und im Verkauf von Schiffslieferungen auftreten. Zunächst gingen wir hier von einem risikoverstärkenden Effekt der beiden Geschäftsvorfälle aus. In der Portfolioanalyse zeigte sich jedoch, dass die Effekte jeweils in unterschiedlichen Szenarien auftreten. Ein Ausgleich möglicher Verluste fand zwar nicht statt (hierfür würden Optionen benötigt), allerdings verteilten sich die möglichen Verluste auf mehrere Szenarien, sodass die Ergebnisvolatilität aus Portfoliosicht wesentlich geringer war als vermutet.

Abb. 2: Risikoprofile im Schema
Asymmetrische Risikoprofile können sich unter anderem daraus ergeben, dass vorteilhafte Wechselkurse an den Kunden weitergereicht werden müssen, während nachteilige Entwicklungen nicht weitergereicht werden können.
In der Portfoliobetrachtung können sowohl bei Ab- als auch Aufwertung Verluste entstehen.

Absicherungsinstrumente

Passend zu den einzelnen Risikoprofilen schlug uns SLG für jeden Geschäftsablauf Sicherungsinstrumente vor. Neben den üblichen Strategien für symmetrische (Termingeschäfte) und  symmetrische Risiken (Optionen) kamen auch weitere Erkenntnisse zutage: Es zeigte sich beispielsweise, dass bei einem der Geschäftsabläufe der Risikohorizont aufgrund von Preisanpassungen in asymmetrischer Form zweigeteilt werden musste, sodass eine ungewöhnliche Kombination aus Devisentermingeschäft und Option den perfekten Hedge dargestellt hätte. Auch zu praktischen Fragen hinsichtlich der Durchführung einer solchen Strategie im täglichen Prozess unterstützte uns SLG. Letztendlich zeigte sich jedoch, wie oben beschrieben, dass unser Portfolio einen gewissen natürlichen Ausgleich zwischen den zwei asymmetrischen Profilen beinhaltet. Wir entschieden uns daher, die symmetrischen Risiken abzusichern und das asymmetrische Risiko mit einem Kalkulationspuffer zu unterlegen, den wir nun auf Basis der Erkenntnisse fundiert schätzen konnten. Dies stellte für uns den optimalen Weg zwischen bestmöglicher Absicherung und praktikabler Durchführung dar.

Die Autoren:

 

 

Malte Müller
ist Head of Cash Management bei der BayWa r.e.

 

Anna Schmidt-Lademann
ist FX- and Interest Rate Risk Manager bei der BayWa r.e

Über BayWa r.e.

Komplettanbieter für Lösungen mit erneuerbarer Energie

BayWa r.e. renewable energy ist ein führender globaler Entwickler, Dienstleister, Großhändler und Anbieter von Energielösungen in den Bereichen Photovoltaik, Windenergie, Biogas und Geothermie. Das Unternehmen mit Hauptsitz München ist eine hundertprozentige Tochter des Mischkonzerns BayWa AG. Es verfügt über Standorte in Europa, Nordamerika und im asiatisch-pazifischen Raum. BayWa r.e. bietet Endto-End-Projektlösungen, von der Planung und Beratung, Projektentwicklung und schlüsselfertigen Errichtung bis hin zur laufenden technischen und kaufmännischen Betriebsführung. BayWa r.e. ist zudem ein führender Systemlieferant für Solarkomponenten.

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