Wie Sie den passenden Supply Chain Finance-Partner finden

Aktives Working Capital Management zur Sicherung der Liquidität.

„Cash is king!” Die Devise hat seit dem vergangenen Jahr – trotz anhaltendem Niedrigzinsumfeld – für Unternehmen wieder mehr denn je an Bedeutung gewonnen. Der Treiber für diese Entwicklung war und ist die Coronakrise: Zur Sicherstellung der Liquidität rückt „aktives“ Working Capital Management wieder in den Fokus. Sind die internen Prozesse im Einkauf, Lager und Verkauf bereits weitestgehend optimiert, bieten sich Finanzverantwortlichen, unter Zuhilfenahme externer Lösungen, zusätzliche Liquiditätspotenziale, die es zu erschließen gilt. Doch der Anbietermarkt für Supply Chain Finance (SCF) ist in den letzten Jahren stetig gewachsen, was einerseits endlich auch Möglichkeiten für den klassischen „Mittelständler“ eröffnet, andererseits aber den Überblick erschwert. In diesem Artikel erfahren Sie, wie sich der passende SCF-Partner finden lässt und worauf es bei der Suche ankommt.

Zahlreiche Unternehmen litten unmittelbar nach Ausbruch der Coronakrise unter schwerwiegenden Liquiditätsproblemen. Ein wesentlicher Grund dafür lag darin, dass Kunden ihre Zahlungen verzögerten, um die eigene Liquidität zu schonen. Die Anzahl überfälliger Rechnungen stieg im März und April 2020 europaweit um 70 Prozent. Um dem entgegenzuwirken, haben Unternehmen vielfach versucht, die eigenen Zahlungsziele gegenüber Lieferanten zu verlängern. Oftmals unberücksichtigt blieben dabei die negativen Auswirkungen auf die Zulieferer. Insolvenzen können aber die Stabilität der gesamten Lieferkette gefährden.

Hier setzen (lieferantenseitige) SCF-Lösungen an. Durch einen unternehmensübergreifenden, kollaborativen Ansatz soll dabei eine „Win-Win-Win“-Situation für Kunde, Lieferant und auch SCF-Partner erzielt werden. Die Pandemie hat dem Geschäftsmodell einen ordentlichen Schub verliehen. Zum Teil konnten die abgewickelten Finanzierungsvolumina im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt werden.

Supply Chain Finance & Reverse Factoring

Supply Chain Finance wird oftmals mit Reverse Factoring gleichgesetzt, was nicht korrekt ist und für Verwirrung sorgen kann. Tatsächlich ist SCF ein breiter Sammelbegriff, der sämtliche Finanzierungsformen zur Optimierung des Working Capital Managements miteinschließt. Reverse Factoring (synonym verwendete Bezeichnungen sind Payables Finance, Supplier Finance, Confirming) stellt dagegen ein häufig genutztes SCF-Instrument auf Seite der Lieferverbindlichkeiten dar. Der Initiator eines Reverse Factorings ist immer der Kunde (daher „umgekehrtes“ Factoring).



Dabei wird der Lieferant sofort nach Rechnungsfreigabe des Kunden durch Hinzunahme eines externen Finanzierungspartners (Banken oder institutionelle Investoren) von diesem gegen einen (von der Bonität des Kunden abhängigen) Diskont bezahlt. Der Kunde zahlt bei Fälligkeit 100 Prozent des Rechnungsbetrags an den Finanzierer. Zumeist geht mit dem Aufsetzen einer solchen Lösung eine Neuverhandlung bzw. Verlängerung der Zahlungsziele mit den Lieferanten einher. Somit kann auf beiden Seiten Liquidität freigesetzt werden und der Lieferant profitiert im Idealfall zusätzlich von der besseren Bonität des Kunden und sinkenden Finanzierungskosten.

Dagegen bietet Dynamic Discounting die Möglichkeit, die eigene Überschussliquidität zu nutzen, um Lieferanten gegen Abzug eines „dynamisch“ abstimmbaren Skontos frühzeitig selbst zu bezahlen. Damit kann ein positiver EBITDA-Beitrag erzielt werden. Zudem kann dies eine besonders attraktive (risikolose) Möglichkeit sein, um sich vor Negativzinsen bzw. „Verwahrgebühren“ auf Habensalden am Bankkonto zu schützen.

Das gängigste SCF-Instrument auf Seite der Lieferforderungen umfasst das klassische Factoring, bei dem durch einen regresslosen Forderungsverkauf eine Bilanzverkürzung herbeigeführt werden kann.

Banken vs. FinTechs

Der SCF-Markt ist in den vergangenen Jahren einigermaßen in Bewegung geraten. Früher zumeist Banken vorbehalten, sorgen heute FinTechs für anhaltendes Marktwachstum. Durch verstärkte Kooperation – sei es in Form von direkten Beteiligungen oder (informellen) Partnerschaften – versuchen aber beide Seiten von der steigenden Nachfrage zu profitieren bzw. schaffen es, diese zu erzeugen. Während dabei Banken üblicherweise die Finanzierungsmittel aufbringen, stellen die Technologieunternehmen als Vermittler u.a. eine (in der Regel) cloud-basierte SCF-Plattform zur Verfügung, die eine effiziente und transparente Abwicklung für Kunde, Lieferant und Finanzierer ermöglichen soll. Das Universum an Anbietern ist selbst in der DACH-Region sehr groß. Die Wahl des richtigen Partners bzw. der passenden Struktur spielt dabei für den späteren Programmerfolg eine zentrale Rolle.

Worauf es ankommt

Noch bevor es zur Anbieterwahl kommt, ist es von entscheidender Bedeutung, den Status quo im Debitoren- bzw. Kreditoren-Management zu analysieren sowie Ziele und Anforderungen an die angestrebte Lösung klar festzulegen. Aufgrund der

tiefgreifenden Verstrickung in die operativen

Geschäftsprozesse müssen diese über die  Treasury- bzw. Finanzabteilung hinaus auch abteilungsübergreifend – allen voran mit Ein- bzw. Verkauf – abgestimmt werden.

Sobald die Entscheidung für eine Art von SCF-Lösung getroffen wurde, steht die Anbieterwahl bevor. Aus unserer Praxissicht sind für die erfolgreiche Umsetzung die folgenden qualitativen und quantitativen Faktoren besonders wichtig:

  • Funktionen, Abdeckung & Erfahrung: Im ersten Schritt gilt es auf Basis der definierten Ziele (z. B. Forderungen und/oder Verbindlichkeiten, Eigen- und/oder Fremdmittel) zu differenzieren, welche Lösungen grundsätzlich infrage kommen können. Neben der geografischen Abdeckung kann auch die Branchenkenntnis ein zentraler Faktor sein (z. B. hinsichtlich der Unterstützung beim Onboarding der Lieferanten).
  • Finanzierung: Während bei bankeigenen Lösungen das entsprechende Kreditinstitut zumeist als alleiniger Finanzierer auftritt, können FinTech-Plattformen Multi-Bank- bzw. teilweise auch Multi-Investoren-Modelle anbieten. Dafür können bankeigene Lösungen eventuell unkomplizierter und bei geringeren Volumina effizienter implementiert werden. Das Finanzierungsmodell muss zu den Anforderungen passen und genau verstanden werden, wie zuletzt auch der Fall Greensill Capital gezeigt hat (siehe Infobox). Teilweise können auch Nachhaltigkeitskriterien definiert werden, um durch finanzielle Anreize für Lieferanten die Corporate Social Responsibility in der Lieferkette zu forcieren. So kann Lieferanten, die definierte ESG-Kriterien erfüllen, ein Abschlag auf die Finanzierungsmarge gewährt werden.
  • Systemintegration & Ablauf: Die Kommunikation der SCF-Plattform mit dem ERP-System und gegebenenfalls dem Zahlungsverkehrstool bzw. dem Treasury-Management-System kann auf unterschiedlichen Wegen (Schnittstellen, Add-On, API etc.) und mittels unterschiedlicher Formate erfolgen. Die Lösung muss kompatibel und bestenfalls auf weitere Gruppengesellschaften skalierbar sein.
  • Onboarding & Implementierung: Der entscheidende Erfolgsfaktor bei lieferantenseitigen SCF-Lösungen ist das Onboarding der Lieferanten. Hier kommt es einerseits auf formale Prozesshürden, aber andererseits auch auf eine inhaltliche, strategische Unterstützung zur Lieferantenteilnahme an.
  • Rechtliche Aspekte: Die Komplexität des Vertragswerks kann die Attraktivität des Programms, insbesondere für Lieferanten, deutlich schmälern oder gar zunichtemachen. Vertragsmuster kommen dabei von den Anbietern. Schon die Anzahl der abzuschließenden Verträge (mit Plattform und Finanzierer) kann variieren.
  • Bilanzielle Aspekte: Im Falle von Reverse Factoring hat ein unveränderter Ausweis der Verbindlichkeiten als Lieferverbindlichkeiten oberste Priorität. Auch wenn dies eine Standardanforderung für SCF-Anbieter darstellt, müssen die Strukturen genau beleuchtet und jedenfalls mit dem Wirtschaftsprüfer abgeklärt werden. Beim Factoring ist in der Regel die effektive Bilanzverkürzung das Ziel.
  • Kosten: Die Preismodelle unterscheiden sich je nach Lösung. Auf Kundenseite bestehen diese oft aus einer einmaligen Set-Up-Gebühr und/oder laufenden Programm- bzw. SaaS-Gebühren. Der Lieferant trägt die (bonitätsabhängigen) Finanzierungskosten sowie insbesondere bei FinTechs zudem eine Transaktionsgebühr, die als Marge auf die Finanzierungskosten aufgeschlagen wird. Um Preistransparenz zu erlangen und eine Vergleichsbasis zu schaffen, empfehlen wir immer eine Gesamtkostenbetrachtung durchzuführen und diese auch mit dem angebotenen Leistungsumfang abzugleichen.
  • Systemsicherheit: Last but not least sind wie bei allen Softwarelösungen auch Sicherheitsaspekte in Bezug auf die (cloud-basierte) Plattform selbst sowie u.a. die Datenspeicherung abzuklären.


SCF-Readiness erkennen

Externe SCF-Lösungen bieten zahlreiche Optimierungsmöglichkeiten. Wir bei SLG sind dennoch der Auffassung, dass in einem ersten Schritt, durch eine möglichst saubere, effiziente Gestaltung der internen Prozesse im Working Capital, Liquiditätspotenziale „kostenlos“ und oft auch unkompliziert realisiert werden können.

Im zweiten Schritt kann es dann absolut sinnvoll sein, sich mit den Möglichkeiten externer Lösungen im Detail zu beschäftigen. Ausgangspunkt muss dabei im konkreten Einzelfall eine fundierte Bestandsaufnahme und Potenzialanalyse sein. In einem Business Case kann dargestellt werden, ob die erwartbaren Erträge die Kosten rechtfertigen. Erst dann sollte ein Auswahlverfahren inklusive RfP-Phase und Anbieter-Workshops gestartet werden, an deren Ende eine finale Entscheidung zugunsten eines Anbieters steht. Als SLG unterstützen wir Sie gerne mit unserem Know-how in jeder Projektphase bis hin zur letztendlichen Implementierung.

ZURÜCK